Inflation – ein Kreislauf des Wenigerwerdens

 Inflation – ein Kreislauf des Wenigerwerdens

Vom Schneider bis zum Restaurant: Wie steigende Preise nicht nur Geld kosten, sondern auch Arbeit und Würde entwerten.

Ich gehe zum Schneider. Mein Anzug soll angepasst werden, die Hosen gekürzt. „Dreißig Franken“, sagt er. Vor ein paar Jahren hätte es noch zwanzig gekostet. Und plötzlich liegt die große Frage auf dem Tisch: Warum müssen wir immer mehr Geld ausgeben?

Inflation bedeutet offiziell: „Das allgemeine Preisniveau steigt.“ Dahinter steckt aber mehr als Zahlen im Index. Es ist ein Gefühl, das viele kennen: Am Ende des Monats bleibt weniger übrig.

Mein Schneider erklärt: Er zahlt mehr für Stoffe, für Miete, für Energie. Sein Sohn braucht mehr Unterhalt, weil dessen Miete steigt und auch die Lebenshaltungskosten. Und ich? Ich muss mehr einnehmen, damit ich den Schneider bezahlen kann. Ein Kreis, der sich immer weiter dreht.

Die Politik spricht von „Produktivität“, davon, dass wir mehr arbeiten müssen. Aber Produktivität hat Grenzen. Ein Schneider kann nicht doppelt so schnell nähen, ohne dass die Qualität leidet. Handwerk ist keine Fabrik. Billigmode ist das Gegenmodell: schnelle Produktion, niedrige Löhne, Wegwerfgesellschaft. Am Ende aber zahlen auch wir für diese Billigkeit, nur an einer anderen Stelle – bei Umwelt, bei Arbeitsplätzen, bei der Würde der Arbeit.

Inflation treibt nicht nur Preise, sie verschiebt Macht. Wer Immobilien besitzt, kann die Mieten erhöhen. Wer Aktien hält, erwartet steigende Gewinne, weil auch dort die Preise steigen. Wer kein Kapital hat, spürt nur die steigenden Kosten. So wird aus Inflation eine Umverteilung – von unten nach oben.

In meinem Alltag sehe ich die Folgen. Der Nachbar im Restaurant klagt: Mitte des Monats sind die Tische leer, die Portionen kleiner, die Öffnungszeiten kürzer. Gäste sparen. Wer es sich leisten kann, investiert in Fonds oder Immobilien, um „sein Geld zu retten“. Doch genau das heizt die Preise wieder an. Eine Spirale: Je mehr wir gegen die Inflation ankämpfen, desto mehr verstärken wir sie.

Und während wir rechnen und sparen, gibt es für anderes Geld: für Aufrüstung, für Krieg. Milliardenbeträge. Als ob man der Inflation dort entkommen könnte.

Am Ende bleibt das Gefühl, dass die Arbeit selbst immer weniger zählt. Schneidern, kochen, pflegen, unterrichten – das sind Tätigkeiten, die man nicht beschleunigen oder beliebig skalieren kann. Aber sie werden verdrängt von Renditeerwartungen und globalem Preisdruck.

Fazit
Wenn künstliche Intelligenz vor allem dazu dient, Arbeitsplätze einzusparen und Kosten zu senken, ohne dass die Preise sinken, dann wächst die Kluft: Wenige Konzerne kontrollieren die Märkte, die Gewinne steigen, aber die Menschen haben nicht mehr, sondern weniger im Portemonnaie. Inflation wird dann nicht nur ein ökonomisches Phänomen, sondern ein Zeichen sozialer Schieflage.

One thought on “ Inflation – ein Kreislauf des Wenigerwerdens”

  1. Grüezi Stephan
    Danke für den guten Text.
    Genau aus diesem Grund bin ich für eine zinsfreie Globalwährung die durch Leistungen gedeckt sein muss.
    Die Mehrheit der Menschen wird im heutigen Kapitalismus von der Minderheit politisch legal bestohlen.
    Kennst du einen nachvollziehen Grund dagegen?
    Gruss von Pius

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